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Literatur

13. August um 10:59

Mich würde mal Interessieren was ihr so wer Lektüren Zuhause herumliegen habt oder ob ihr gar selbst Verfasser seid. Möglicherweise findet man hier ja Austauschmöglichkeiten was gute Bücher, Autoren, Gedichte ec. betrifft.

Ich fange am besten mal an -> Eins meiner Lieblingsbücher ist "Komm ich erzähl dir eine Geschichte" von "Jorge Bucay". Das Buch besteht aus Kurzgeschichten, die in manchen Lebenssituationen einem viele Fragen beantworten könnnen wenn man sich darauf einlässt. Hier hab ich mal die erste Geschichte kopiert:

Der angekettete Elefant - Jorge Bucay


Ich kann nicht«, sagte ich. »Ich kann es einfach
nicht.«
»Bist du sicher?« fragte er mich.
»Ja, nichts täte ich lieber, als mich vor sie hinzustellen
und ihr zu sagen, was ich fühle … Aber ich
weiß, daß ich es nicht kann.«
Der Dicke setzte sich im Schneidersitz in einen
dieser fürchterlichen blauen Polstersessel in seinem
Sprechzimmer. Er lächelte, sah mir in die
Augen,
senkte die Stimme wie immer, wenn er
wollte, daß man ihm aufmerksam zuhörte, und
sagte:
»Komm, ich erzähl dir eine Geschichte.«
Und ohne ein Zeichen meiner Zustimmung abzuwarten,
begann er zu erzählen.
Als ich ein kleiner Junge war, war ich vollkommen
vom Zirkus fasziniert, und am meisten
gefielen mir die Tiere. Vor allem der Elefant
hatte es mir angetan. Wie ich später erfuhr, ist er
das Lieblingstier vieler Kinder. Während der
Zirkusvorstellung stellte das riesige Tier sein
ungeheures Gewicht, seine eindrucksvolle Größe
und seine Kraft zur Schau. Nach der Vorstellung
aber und auch in der Zeit bis kurz vor seinem
Auftritt blieb der Elefant immer am Fuß an
einen
kleinen Pflock angekettet.
Der Pflock war allerdings nichts weiter als ein
winziges Stück Holz, das kaum ein paar Zentimeter
tief in der Erde steckte. Und obwohl die
Kette mächtig und schwer war, stand für mich
ganz außer Zweifel, daß ein Tier, das die Kraft
hatte, einen Baum mitsamt der Wurzel auszureißen,
sich mit Leichtigkeit von einem solchen
Pflock befreien und fliehen konnte.
Dieses Rätsel beschäftigt mich bis heute. Was
hält ihn zurück?
Warum macht er sich nicht auf und davon?
Als Sechs- oder Siebenjähriger vertraute ich
noch auf die Weisheit der Erwachsenen. Also
fragte ich einen Lehrer, einen Vater oder Onkel
nach dem Rätsel des Elefanten. Einer von ihnen
erklärte mir, der Elefant mache sich nicht aus
dem Staub, weil er dressiert sei.
Meine nächste Frage lag auf der Hand: »Und
wenn er dressiert ist, warum muß er dann noch
angekettet werden?«
Ich erinnere mich nicht, je eine schlüssige Antwort
darauf bekommen zu haben. Mit der Zeit
vergaß ich das Rätsel um den angeketteten Elefanten
und erinnerte mich nur dann wieder
daran, wenn ich auf andere Menschen traf, die
sich dieselbe Frage irgendwann auch schon einmal
gestellt hatten.
Vor einigen Jahren fand ich heraus, daß zu meinem
Glück doch schon jemand weise genug
gewesen
war, die Antwort auf die Frage zu finden:
Der Zirkuselefant flieht nicht, weil er schon seit
frühester Kindheit an einen solchen Pflock gekettet
ist.

Ich schloß die Augen und stellte mir den wehrlosen
neugeborenen Elefanten am Pflock vor.
Ich war mir sicher, daß er in diesem Moment
schubst, zieht und schwitzt und sich zu befreien
versucht. Und trotz aller Anstrengung gelingt es
ihm nicht, weil dieser Pflock zu fest in der Erde
steckt.
Ich stellte mir vor, daß er erschöpft einschläft
und es am nächsten Tag gleich wieder probiert,
und am nächsten Tag wieder, und am nächsten
… Bis eines Tages, eines für seine Zukunft
verhängnisvollen Tages, das Tier seine Ohnmacht
akzeptiert und sich in sein Schicksal
fügt.
Dieser riesige, mächtige Elefant, den wir aus
dem Zirkus kennen, flieht nicht, weil der Ärmste
glaubt, daß er es nicht kann.
Allzu tief hat sich die Erinnerung daran, wie
ohnmächtig er sich kurz nach seiner Geburt gefühlt
hat, in sein Gedächtnis eingebrannt.
Und das Schlimme dabei ist, daß er diese Erinnerung
nie wieder ernsthaft hinterfragt hat.
Nie wieder hat er versucht, seine Kraft auf die
Probe zu stellen.
»So ist es, Demian. Uns allen geht es ein bißchen
so wie diesem Zirkuselefanten: Wir bewegen uns
in der Welt, als wären wir an Hunderte von Pflökken
gekettet.
Wir glauben, einen ganzen Haufen Dinge nicht
zu können, bloß weil wir sie ein einziges Mal, vor
sehr langer Zeit, damals, als wir noch klein waren,
ausprobiert haben und gescheitert sind.
Wir haben uns genauso verhalten wie der Ele11
fant, und auch in unser Gedächtnis hat sich die
Botschaft eingebrannt: Ich kann das nicht, und ich
werde es niemals können.
Mit dieser Botschaft, der Botschaft, daß wir
machtlos sind, sind wir groß geworden, und seitdem
haben wir niemals mehr versucht, uns von
unserem Pflock loszureißen.
Manchmal, wenn wir die Fußfesseln wieder
spüren und mit den Ketten klirren, gerät uns der
Pflock in den Blick, und wir denken: Ich kann
nicht, und werde es niemals können
Jorge machte eine lange Pause. Dann rückte er ein
Stück heran, setzte sich mir gegenüber auf den
Boden und sprach weiter:
»Genau dasselbe hast auch du erlebt, Demian.
Dein Leben ist von der Erinnerung an einen Demian
geprägt, den es gar nicht mehr gibt und der
nicht konnte.
Der einzige Weg herauszufinden, ob du etwas
kannst oder nicht, ist, es auszuprobieren, und
zwar mit vollem Einsatz. Aus ganzem Herzen!«

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