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Wer's etwas mürchenhaft magisch mag: Die Rauhnächte von Sigrid Früh

9. Dezember 2005 um 12:12

Ich finde, es passt inn diese Jahreszeit und zitiere nun die Autorin Sigrid Früh:

Die Rauhnächte oder die Zwölften, wie die Zeit von Weihnachten bis Dreikönig am 6.Januar auch genannt werden, ist einen Zeit der Geister und Seelen. Vielfältiges Brauchtum, Orakel, Magie und Aberglaube rankt sich um diese Tage und Nächte.
Die Zeit der Sonnenwende hat die Menschheit schon immer beschäftigt. Schon in vorchristlicher Zeit wurde die Wintersonnwende als Geburt der Sonne gefeiert.

Mich sprechen die Märchen von Sigrid sehr an. Daher übernahm ich eines davon für Euch. Es ist leider etwas lang. Wer weiß, vielleicht folgen noch mehrere.

Der Kräuterdieb

In einer Stadt lebte einst ein Kaufmann und der hatte drei Söhne, Peter, Paul und Johannes heiß der Jüngste. Johannes war etwas langsam und er begriff auch schlecht. Deshalb hielten der Vater und die Brüder ihn für einen Dümmling.

Der Vater besaß einen Garten, indem er besonders ein Kräuterbeet hegte, denn er wusste, wie wichtig es in den zwölf Nächten war, bestimmte Kräuter zu essen. Als er aber eines Morgens in den Garten kam, siehe, da war ein Stück von den Kräutern abgegrast.
Der Vater wurde sehr zornig und befahl seinem ältesten Sohn Peter in der Nacht Wache zu halten. Peter nahm starke Stricke und scharf geschliffene Säbel mit in den Garten. Doch als es zehn Uhr schlug, da war Peter tief eingeschlafen und am nächsten Morgen war ein weiteres Stück der Kräuter abgegrast.
Wieder wurde der Vater zornig und befahl dem zweiten Sohn Wache zu halten. Paul nahm außer Stricken und Säbeln noch geladene Pistolen mit in den Garten. Doch als es elf Uhr schlug, war auch Paul eingeschlafen und am nächsten Morgen war wieder ein weiteres Stück von den Kräutern abgegrast.
Jetzt aber geriet der Vater in großen Zorn und er rief: Ach, wenn heute Johanne, der Dümmling, die Wache hält, der schläft ja am helllichten Tag schon ein, da brauch ich ja von den Kräutern überhaupt nichts mehr ernten.
Johannes aber nahm nur einen ganz leichten Strick mit in den Garten, außerdem aber auch Dornen und Disteln. Und so oft er müde wurde, fiel sein Kopf auf die Dornen und Disteln, die er im Schoß hielt, und er wurde gleich wieder wach.
Und siehe, als es Mitternacht schlug, da ertönte ein plötzlich ein Klingen. Es war, als ob hundert silberne Glöckchen läuten würden. Und in den Garten da kam ein kleines silbernes Pferdchen, sprang in den Kräutergarten und fing dort an zu grasen. Da schlich sich Johannes hinzu und es folgte ihm ganz gutwillig in den Stall. Dann legte sich Johannes zu Bett und schlief.
M Morgen kam der Vater und die Brüder und verspotteten ihn. Aber Johannes sprach: Kommt mit mir!
Er führte sie in den Stall und zeigte ihnen das kleine Pferdchen. Da freute sich der Vater und schenkte Johannes das silberweiße Pferdchen. Der gab ihm den Namen Kräuterdieb.
Bald darauf aber, da ging die Kunde durch alle Lande, dass obern auf der Spitze des gläsernen Berges eine verwunschene Prinzessin wohne, die auf ihre Erlösung warte. Ihr Erlöser müsse in den zwölf heiligen Nächten bis zur Spitze des Berges reiten, dort dreimal das Schloss umreiten und dann sei sie befreit, sie würde ihrem Erlöser die Hand reichen und ihm zum Manne nehmen.
Nun hatten die Jahre zuvor in den zwölf Nächte viele Prinzen, Grafen und Ritten immer wieder versucht, die Spitze des gläsernen Berges zu erreiten, aber alle waren ausgeglitten und in die Tiefe gestürzt.
Der Peter und der Paul ließen sich starke Pferde beschlagen und sie legten sich glänzende Rüstungen an. Der Johannes aber sattelte sich seinen kleinen Kräuterdieb und bekleidete sich nur mit einem Wollkittel. Als sie zum gläsernen Berg kamen, da gab zuerst der Peter seinem Pferd die Sporen. Aber ach, das starke Pferd des Peters kam nur bis zum ersten Drittel, glitt ab und stürzte mit ihm in die Tiefe und der Peter vergaß das Wiederaufstehen. Da gab Paul seinem Pferd die Sporen, sein Pferd kam bis zum zweiten Drittel, aber auch sein Pferd glitt ab und stürzte mit ihm in die Tiefe und auch Paul vergaß das Wiederaufstehen.
Da gab Johannes dem Kräuterdieb ganz leicht die Sporen und der ritt ein einem Zug bis zur Bergspitze. Und dort ritt der klipp klipp klapp die erste Runde, klipp klipp klapp die zweite Runde, klipp klipp klapp die dritte Runde. Es war, als ob der Kräuterdieb diesen Weg schon hundert Mal geritten wäre.
Da öffnete sich die Tür des Schlosses und eine Prinzessin, so schön wie der helle Tag stand drin.
Und die sprach zum Kräuterdieb: Weshalb bist du denn von mir weggeritten, so dass ich nicht einmal eine Stunde vor Mitternacht zur Erde reiten konnte?
Da merkte Johannes, dass der kleine Kräuterdieb das Zauberpferd der Prinzessin war. Diese aber reichte ihm die Hand, und sie nahm ihn zum Manne, und er lebte glücklich und zufrieden an ihrer Seite.
Der Peter und der Paul sind später wieder zu sich gekommen, aber den Johannes sahen sie nie wieder, denn der lebt jetzt auf der Spitze des gläsernen Berges bei der Prinzessin. Dorthin aber hat kein Menschenkind mehr den Weg gefunden, denn die Prinzessin ist ja erlöst.
Aber immer in den zwölf Heiligen Nächten reitet sie auf dem Kräuterdieb mit dem Johannes zur Erde nieder. Und wer die richtigen Augen hat, der kann sie sehen.

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